Piero della Francesca – Biographie

Piero della Francesca – Biographie

Piero della Francesca ist ohne Zweifel einer der wichtigsten italienischen Maler des 15. Jahrhunderts. Seine räumlich wirkende, monumentale und rationale Malerei ist zweifellos die Erzielung eines der höchsten künstlerischen Ideale der Frührenaissance, eine Epoche in der Kunst und Wissenschaft eng miteinander verbunden waren. Genauso wie Leonardo da Vinci, der zwei Generationen nach ihm geboren wurde, war auch Piero ein großer Experimentator. Er war ein Meister der Freskomalerei, eine Maltechnik in der er besonders herausragte, und er war vor allem daran interessiert, die jüngst wiederentdeckten Regeln über die Perspektive bei Narrativen und der Andachtsmalerei anzuwenden: die absolute mathematische Strenge in seinen Werken trägt dazu bei, die abstrakte und ikonische Qualität seiner Malerei hervorzuheben, womit seinen Meisterwerken ein stark heiliger Charakter zukommt.

Ein “Malerfürst” seiner Zeit, wie ihn sein Mitbürger Luca Pacioli (1494) bezeichnete. Kurze Zeit nach seinem Tode wurde sein Werk schnell wieder vergessen, mit Ausnahme der zwei Auflagen über sein Leben (1550; 1568), die ihm von Giorgio Vasari gewidmet wurden, und der Hinterlassenschaft seines Wirkens als Theoretiker der Perspektive in einigen Architekturabhandlungen aus dem 16. Jahrhundert. Die glänzende Epoche der „modernen Art”, mit ihren Protagonisten Leonardo, Raffael und Michelangelo, ließ plötzlich den Geschmack der Künstler, Auftraggeber und Sammler für die Meisterwerke des 15. Jahrhunderts als veraltet erscheinen. Es musste dann erst zur Wiederentdeckung, im 17. und 18 Jahrhundert, der Ära vor Raffael kommen, damit Kenner und Kunsthistoriker ihr Interesse wieder auf den Maestro aus Sansepolcro richteten: aber vor allem haben wir es den Studien im 20. Jahrhundert zu verdanken, wenn Piero della Francesca seine Rolle als wichtige Figur in der Entwicklung der modernen italienischen Malerei wieder einnehmen durfte.

Piero wurde um 1415 in Borgo San Sepolcro geboren: sein Vater, Benedetto, war Leder- und Wollhändler, seine Mutter, Romana di Perino, stammte aus der nahegelegenen Ortschaft Monterchi. Zur damaligen Zeit war Sansepolcro ein blühendes Zentrum in strategischer Lage zwischen Toskana, Marken und Umbrien: mit dem Übergang von der Herrschaft der Malatesta zu der des Kirchenstaates im Jahre 1431, überließ ihn Papst Eugen IV. kurz nach der Schlacht von Anghiari (29. Juni 1440) für 25.000 Gulden (20. März 1441) der Gemeinde von Florenz. In der Stadt des hohen Tiberinatals machte er mit dem eher noch unbekannte Antonio d’Anghiari seine erste Malerausbildung: aber seine ersten bekannten Werke drücken ein tiefes Verständnis der florentinischen Kunst des frühen 15. Jahrhunderts aus, insbesondere was die helle, lichterfüllte und perspektivische Malerei des Domenico Veneziano anbelangt. Sein Schaffen mit diesem Künstler ist nämlich dokumentiert im Jahre 1439 in der toskanischen Hauptstadt, und zwar als Gehilfe für die Freskomalerei der Geschichte der heiligen Maria für den Chor der Kirche Sant’Egidio. Es scheint als hätten dem jungen Maler auch die Meisterwerke des Donatello und Masaccio ein tiefes und unauslöschbares Zeichen hinterlassen. Die Auswirkungen dieser künstlerischen Ausbildung sind besonders in einem der ersten Werke von Piero sichtbar, die „Taufe Christi“ (London, National Gallery), das aus Sansepolcro stammte und in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts vom britischen Museum erworben wurden.

Ab dem fünften Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts spielte sich die Karriere des Piero in den wichtigsten Städten Mittel- und Norditaliens sowie in seiner Heimatstadt ab. In der zweiten Hälfte der vierziger Jahre dürfte er sich in Ferrara aufgehalten haben, wo er für den Marchesen Leonello d’Este, einer der vornehmsten Mäzene der Renaissance, arbeitete: leider sind seine Fresken im Schloss der Este und in der Sant’Agostino Kirche komplett verloren gegangen. Das Fresko des Sigismondo Pandolfo Malatesta in Anbetung des hl. Sigismunds im Tempio Malatestiano in Rimini stammt aus dem Jahr 1451. Es wurde mit den Formen der Renaissancezeit von Leon Battista Alberti restauriert; später schuf Piero ein zweites Profilbild des Malatesta-Feldherren, das sich heute im Louvre befindet und das ihm 1977 nach einer Reinigung und Analyse zugeschrieben wurde. Wahrscheinlich schloss der biturgensische Maler Bekanntschaft mit dem Alberti, der ihn dazu ermutigte, die leidenschaftlichen Untersuchungen über die perspektivischen und proportionalen Gesetze fortzusetzen.

Unterdessen hatten seine Mitbürger ihm 1445 das Altarbild der Schutzmantelmadonna (Sansepolcro, Städtisches Museum) in Auftrag gegeben, an dem der Künstler sprunghaft arbeitete und nach eindringlichen Aufforderungen erst 1462 beendete: die streng plastische Darstellung – aus Masaccios Prägung – wird durch die strenge Abstraktion und den räumlichen und hellen Wert hervorgehoben, der sogar im archaischen goldenen Hintergrund vorzufinden ist. Die Szenen der Predelle, wahrscheinlich von Piero entworfen, wurden vom florentinischen Kamaldulensermönch Giuliano Amedei ausgeführt.

1452, nach dem Tod des äußerst traditionsgebundenen florentinischen Malers Bicci di Lorenzo, nahm Piero den Auftrag der Familie Bacci an, seine begonnene Arbeit in der großen Altarnische in der San Francesco Kirche in Arezzo fortzuführen. Der Freskenzyklus mit der „Legende vom wahren Kreuz” an den hohen Mauern beschäftigten ihn in einer ersten Phase bis Ende der fünfziger Jahre, als Piero nach Aufforderung des humanistischen Papstes Pius Piccolomini vorübergehend nach Rom übersiedelte (1459), um einige Freskomalereien im Vatikanpalast durchzuführen, welche fünfzig Jahre später zerstört wurden, um den Fresken Rafaels den Platz zu überlassen. Der Zyklus in Arezzo, sicherlich nach seiner Rückkehr aus der Papststadt 1465 beendet, ist somit ein glänzendes Zeugnis der mittleren Phase seines Kunstschaffens und eines der wichtigsten Wandzyklen im Italien des 15. Jahrhunderts.

1454 unterbreiteten seine Mitbürger ihm einen neuen Auftrag, und zwar das Polyptychon für den Hochaltar in der Augustinerkirche: auch diese Mal zogen sich die Arbeiten weit hinaus und das große Werk, das schon im 16. Jahrhundert wieder zergliedert wurde, wurde erst in den sechziger Jahren vollendet. Die zentrale Figur der Madonna mit Kind ist verloren gegangen, die Seitenflügel mit den hl. Augustinus, hl. Michael, dem Hl. Evangelisten Johannes und dem hl. Nikolaus von Tolentino befinden sich heute in verschiedenen Museen (Lissabon, London, New York, Mailand); während sich einige Elemente der Predelle einerseits in Washington (hl.Apollonia) und andererseits in der Frick Sammlung in New York (zwei Heilige und die Kreuzigung) befinden. Auch die ergreifende „Madonna der Geburt” für die Kapelle des Friedhofes von Monterchi und die „Auferstehung“ im Saal „Sala dei Conservatori della Residenza“ (Gemeindegebäude) in Sansepolcro (heute Sitz des Städtischen Museums) – Symbol der Stadt und heiliges Symbol, das der zeitgenössische Schriftsteller Aldous Huxley als „die schönste Malerei auf der ganzen Welt“ bezeichnete – stammen aus den frühen sechziger Jahren.

1954 wurde in der Kirche Sant’Agostino in Sansepolcro das Fragment eines Freskos mit dem Abbild eines Heiligen aufgefunden, wahrscheinlich der hl. Julianus (heute Sansepolcro, Städtisches Museum), ein äußerst feines Werk, das mit der üblichen Technik wahrscheinlich nach seiner Rückkehr aus Rom 1458-59 angefertigt wurde. Die zeitliche Einordnung des Polyptychons für die zwei Franziskanerinnen des hl. Antonius in Perugia (Perugia, Nationalgalerie Umbrien) bleibt umstritten; auch in diesem Werk gelangt es Piero, die Beschränkung des veralteten goldenen Hintergrundes, wie ihn die Auftraggeber wollten, zu übertreffen. In der Predelle und im wundervollen Bilderzyklus der Verkündung oberhalb ließ er seinem Genie freien Lauf.

Im Laufe der sechziger und siebziger Jahre stand er in sehr enger Verbindung mit dem wundervollen Hofe von Urbino und mit dem Herzog Federigo del Montefeltro, für den er einige seiner wichtigsten Werke schuf: das Diptychon mit den Porträts der Herzogen, Federigo und seine Gattin Battista Sforza (Florenz, Uffizien), die berühmte „Geißelung Christi“ (Urbino, Nationalgalerie Umbrien), eine wahre Summa seiner Perspektivstudien, sowie die „Heilige Unterhaltung“ für die Kirche San Bernardino (Mailand, Pinacoteca di Brera) mit dem berühmten Porträt des Herzogen Federigo mit Rüstung (1472-74): ein revolutionäres Gemälde, das einen Bruch mit der mittelalterlichen Tradition des mehrteiligen Polyptychons darstellt, um den Dialog zwischen der Jungfrau und den Heiligen in einem einheitlichen und messbaren Raum darzustellen, mit einer unmittelbaren Verbindung zum Zuschauer.

In diesen sehr reifen Gemälden, zu denen mindestens noch die geistliche Madonna mit Kind (Urbino, Nationalgalerie Umbrien) und die poetische Geburt Christi in London (National Gallery) zählen, zeigt Piero ein immer stärkeres Interesse für die zeitgenössische Malerei Flanderns, die sich in einer komplexen chromatischen Verwebung und in der detaillierten Beobachtung der Realität zeigt, deren Zusammenhang mit dem Licht analytisch untersucht wird.

Während seiner Zeit in Urbino, angeregt durch das höfische Ambiente, widmete sich Piero auch theoretischen Schriften zu, mit dem Ziel, die unendlich vielen natürlichen Objekte auf die grundlegende und messbare Regelmäßigkeit der geometrischen Formen zurückzuführen. Bis heute bekannt sind die Abhandlung „Trattato dell’Abaco”, eine Art Handbuch für die grundlegende Mathematik wie die in den Abakus-Schulen; „Libellus de quinque corporibus regularibus”, das Guidobaldo Herzog von Urbino gewidmet ist und nach seinem Tod von Luca Pacioli als sein eigenes Werk veröffentlicht wurde; zuletzt das größte Unterfangen, das „De prospectiva pingendi“, eine Abhandlung mit zahlreichen Zeichnungen als praktischer Führer für die Perspektive.

In den letzten Jahren seines Lebens wurde Piero della Francesca blind. Er starb am 12. Oktober 1492 in Borgo San Sepolcro.

© Fondazione Piero della Francesca | 2004
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